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Kunst des Zergliederns

Zitationsvergleich 1999 bis 2001: Anatomie
von Ralf Neumann, Laborjournal 6/2004


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Die Anatomie hat sich als klar definierte Forschungsdisziplin praktisch aufgelöst. Weshalb ein Zitationsvergleich auch kaum mehr als eine reine Listung sein kann.

Etwas altbacken definiert der Pschyrembel die Anatomie als "Lehre vom Bau der Körperteile; Kunst des Zergliederns". Wo die Anatomie heute wirklich steht, erklärten indes die Frankfurter Horst-Werner Korf und Helmut Wicht vor zwei Monaten in Nature (Bd. 428, S. 805): "Die moderne Anatomie besteht nicht nur aus der makroskopischen Untersuchung des Körpers, vielmehr bezieht sie auch Zellen und Moleküle als essentielle Akteure in jedwedem physiologischen oder pathologischen Prozess mit ein", schreiben sie darin.


Kehrseite der Ganzheitlichkeit

Die Anatomie, so die Autoren an anderer Stelle, vereine somit einen "vertikalen" holistischen Ansatz: von der makroskopischen zur zellulär-molekularen Ebene, sowie von der räumlichen Dimension zur zeitlichen. Wegen letzterem habe man schließlich auch des öfteren die Embryologie mit im Boot der Anatomie. Voller Stolz schließen die Autoren dann: "Die Anatomie bleibt daher eine der wenigen medizinischen Disziplinen, die sich mit dem Menschen auf holistische Weise beschäftigt."

Als Lehrfach macht die Anatomie im Rahmen der Mediziner-Ausbildung heute sicherlich weiterhin Sinn. Als Forschungsdisziplin hat sich die Anatomie dagegen auf diese Weise so weit zerfasert, dass der Kern sich langsam auflöst. Und dies scheint noch stärker der Fall als in anderen Disziplinen mit ähnlicher Entwicklung – beispielsweise der Physiologie oder der Pathologie. Oder haben sich der Anatomie-Professor, der mit seiner Gruppe die Entwicklung der Blutgefäße während der Mausentwicklung studiert, und sein Alzheimer-forschender Kollege noch viel zu sagen?

Robert Nitsch, Neuroanatomie-Professor an der Berliner Charite, stimmt dem zu, wenn er sagt: "Ich muss mich nicht mit all den anderen Anatomen in Deutschland vergleichen. Ich muss mich mit Neurobiologen und Hirnforschern vergleichen." Und das nicht nur, weil er mit diesen um die gleichen Fördertöpfe konkurriert.

Diese vielen Worte also als Warnung, die vorliegende Zitationsanalyse nur vor diesem Hintergrund zu betrachten. Diejenigen, die mit den Zitierungen ihrer Publikationen der Jahre 1999-2001 unter den Top 50 landeten, sind zwar nominell alle Anatomen, oder wenigstens Histologen. Aber zu unterschiedlich sind oftmals Forschungsobjekte sowie Methoden, als dass mehr als die reine Kenntnisnahme der Zitierzahlen zu rechtfertigen wäre. Der Düsseldorfer Neuroanatom Karl Zilles als Meistzitierter beispielsweise macht mit seinem Team völlig andere Dinge als die beiden nachfolgenden Kölner Wilhelm Bloch und Klaus Addicks – und wird daher auch von völlig anderen Leuten zitiert.

Aus diesem Grund leuchtet auch schnell ein, dass sich gleich sechs ausgewiesene Neuroanatomen unter die ersten Zehn schieben konnten. Dazu findet man bei den bereits erwähnten Kölnern Bloch und Addicks, die beide die meisten Zitate mit Publikationen über die Efekte von Stickstoffmonoxid (NO) sammelten, das ein oder andere "Neuro-Paper" in ihrem Portfolio. Rein gar nichts mit Hirn und Nerven zu tun haben aus den "Top Ten" lediglich der Münchner Muskelspezialist Felix Eckstein (7.) und der Heidelberger Nierenexperte Wilhelm Kriz (5.).

Apropos Nieren: Wie schon seinerzeit bei den Physiologen (LJ 10/2001, S. 42), scheint auch hier dieses Organ neben dem Gehirn am "zitatetauglichsten" zu sein. Denn nach einer kleinen Phalanx von Neuroanatomen auf den Plätzen 7-10 folgen unmittelbar die beiden Nierenanato-men Johannes Loffing und Brigitte Kaissling. Und bilden mit den vor ihnen platzierten Neuro-Kollegen Daniel Wolfer (10.) und Hans Peter Lipp (9.) ihrerseits eine kleine Phalanx von vier Zürcher Anatomen.


Gemischtwarenladen

Andere Organsysteme tauchen dann vereinzelt im weiteren Verlauf auf: Lunge und Atemwege mit dem Dresdner Michael Kasper auf Platz 13; Gefäßsystem mit dem Frankfurter Faramaz Dehghani auf 15; der bestplatzierte Embryologe, Bodo Christ aus Freiburg, auf 16; oder der Göttinger Bindegewebsspezialist Fabio Quondamatteo auf 22.

Mit den vor ihnen platzierten "Nerven und Nieren"-Kollegen lassen sich diese aber kaum vergleichen – aus den eingangs erwähnten Gründen.


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Letzte Änderungen: 08.09.2004


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