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All Ding ist Gift

Zitationsvergleich 2005 bis 2008: Toxikologie
von Lara Winckler, Laborjournal 09/2011


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Foto: judihuii / photocase.com

2005 bis 2008 teilten Mediziner, Öko- und Lebensmitteltoxikologen das Gebiet unter sich auf. Hotspots sind Wien, Leipzig und Heidelberg.

Laut Paracelsus, seines Zeichens spätmittelalterlicher Arzt, Alchemist und Astrologe, ist alles giftig, wenn man nur genug davon zu sich nimmt. Eine Erkenntnis, die bis heute Gültigkeit hat. Lediglich die krebserregenden und mutagenen Stoffe seien davon ausgenommen – bei ihnen richtet oft schon ein einziges Molekül großen Schaden an. Paracelsus‘ Worte lassen sich noch ergänzen: Es gibt kein Organ oder Organsystem und kein Lebewesen, das gegen Gift gefeit wäre.

So vielfältig die Forschungsprojekte sind, die sich aus diesem Ansatz ergeben, so zahlreich sind die Disziplinen, aus welchen sich die Toxikologen rekrutieren. Da wären die Pharmakologen, mit denen viele Toxikologen eng zusammenarbeiten und sich meistens auch das Institut teilen. Hier kommt ihnen die wenig beachtete und dennoch zentrale Aufgabe zu, die einzelnen Stadien der Medikamentenentwicklung auf ihre Toxizität hin zu überprüfen.

Neben den Klinikern, die Vergiftungen erkennen und behandeln, finden sich in den Autorenlisten auch viele Naturwissenschaftler: Immuno- und Endokrinologen sowie Biochemiker neben Entwicklungs-, Ernährungs- und Neurobiologen. Außerdem hat sich vor einigen Jahren die Arbeitsplatztoxikologie als eigenständiger Zweig mit eigenen Instituten etabliert. Als Zeichen der Anerkennung durch die Community sind drei der vier Arbeitsmediziner im Vergleich unter den Top 10; zwei davon belegen sogar Spitzenplätze: Jürgen Angerer (1.), Institut für Prävention und Arbeitsmedizin (IPA) an der Ruhr-Uni Bochum, und Jan Hengstler (2.), Arbeitsphysiologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung (IfADo), TU Dortmund.


Starke Ökotoxikologie

Und dies ist nur der medizinisch ausgerichtete Teil des toxikologischen Alltags. Die zweite der beiden Toxikologie-Hauptrichtungen beschäftigt sich mit den Auswirkungen giftiger Stoffe auf die Umwelt wie auch solchen, die aus der Umwelt selbst stammen. Die Ökotoxikologie erblickte Mitte des letzten Jahrhunderts das Licht der Welt, als der Verdacht aufkeimte, dass das Schädlingsbekämpfungsmittel DDT die Fisch- und Vogelbestände drastisch dezimiert. Seither hat sich viel getan. Nicht nur die Zahl der Umweltforscher nahm zu, auch die Menge an Umweltgiften. Und nicht nur absichtlich ausgebrachte, wie Pestizide oder Fungizide, sondern auch über Abwässer oder Abgase in die Umwelt gelangte Gifte – Hormone etwa, oder anorganische Stoffe, wie die als das „Dreckige Dutzend“ bekannten Chlorverbindungen, die im Verdacht stehen, erbgutverändernd, krebserzeugend und embryotoxisch zu wirken. Zudem werden immer mehr natürliche Gifte entdeckt, darunter die von Lebewesen produzierten (Toxine) – pflanzliche, tierische und Pilzgifte ebenso wie bakterielle Toxine.

Erwartungsgemäß sammeln Mediziner in einem Vergleich mehr Zitierungen als Umweltforscher, schon gar wenn sie mit aufregenden Krankheiten wie Krebs zu tun haben. Beispiele sind Thomas Brüning (8.), IPA Bochum, oder Eva Frei (27.), Molekulartoxikologin am DKFZ Heidelberg.

Dennoch finden sich fünfzehn Ökotoxikologen unter den Top 50 der deutschsprachigen Giftforscher der Jahre 2005-2008. Ihre Themen sind etwa die genotoxische Wirkung von Nanopartikeln – so untersucht Roel Schins (13.), Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung (IUF) Düsseldorf, den Einfluss von Feinstaub auf Immunsystem und Genom; oder die Auswirkungen von Umweltchemikalien auf das Verhalten von Wasserbewohnern, vertreten durch Matthias Liess (16.), Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (IUF) Leipzig, oder Werner Kloas (25.), Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) Berlin.

Diese Verteilung von Medizinern und Ökologen spiegelt sich auch in den zehn bis heute meistzitierten Toxikologie-Artikeln aus den Jahren 2005-2008 wider: Die Arbeits- und Umwelttoxikologen schlagen sich wacker, die Mehrheit der Themen ist jedoch medizinisch.

Immerhin zehn der 50 Top-Plätze werden von Ernährungsforschern gestellt, was durchaus Sinn macht – die Myriaden an Umweltgiften gelangen in die Nahrungskette und kommen so irgendwann wieder zu uns zurück. Und nicht nur die. Mykotoxine etwa, die Schimmelpilzgifte, gibt es praktisch überall. Welche Gefahren von ihnen ausgehen, will der Agrarbiotechnologe Rudolf Krska (4.) am Interuniversitären Department für Agrarbiotechnologie (IFA-Tulln), Teil der Wiener Uni für Bodenkultur (BoKu), mit seinem Team herausfinden. Viele Gifte werden gar mit Absicht in die Lebensmittel gemischt, wie Hansrüdi Glatt (21.), Deutsches Institut für Ernährungsforschung (DIfE) Potsdam-Rehbrücke, weiß, der die Wirkung dieser „Nicht-Nahrungsmittel-Inhaltsstoffe“ auf den Metabolismus untersucht.

Heute haben wir zwar weitaus mehr Möglichkeiten, uns zu vergiften, dafür aber auch wesentlich größere Chancen, diese Erfahrung zu überleben. Anders als Paracelsus. Er starb vermutlich an einer Quecksilbervergiftung.


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Letzte Änderungen: 18.11.2011


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