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Nassforscher

Publikationsanalyse 2010-2014: Meeres- und Frischwasserbiologie
von Ralf Neumann, Laborjournal 06/2016




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Foto: Stetson Univ.

Die Meeres- und Frischwasserbiologie in deutschsprachigen Landen wird dominiert von Mikrobiologen. Und von Bremen.

Es ist ein netter Zufall, dass unsere Publikationsanalyse „Meeres- und Frischwasserforschung“ exakt zum Startschuss des hiesigen „Wissenschaftsjahres Meere und Ozeane“ erscheint. Seit dem Jahr 2000 stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im jährlichen Turnus eine Forschungsdisziplin oder – neuerdings – fächerübergreifende Zukunftsthemen in den öffentlichen Fokus. Dazu spendiert es jedes Mal eine spezielle Förderlinie, die vor allem Projekte anschieben soll, in denen laut BMBF „Bürgerinnen und Bürger Einblicke in die Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland erhalten“. Oder, wie es das Ministerium an anderer Stelle ausdrückt: „Gefördert werden sollen insbesondere partizipatorische, dialog- und beteiligungsfördernde Formate. Eine mediale Wirkung ist gewünscht.“

Wie auch immer, von Juni 2016 bis September 2017 läuft jetzt also das „Wissenschaftsjahr 16*17 – Meere und Ozeane“. Und es beginnt mit dem Ocean Sampling Day zur Sommerwende am 21. Juni. Geht es nach den Vorstellungen der Bremer Initiatoren von der Jacobs University und des Max-Planck-Institutes für Marine Mikrobiologie, werden an diesem Tag tausend mit speziellen „Sampling Kits“ ausgerüstete Hobbyforscher zusammen mit den Profis Wasserproben sammeln – und zwar konkret an den Küsten von Nord- und Ostsee, wie auch in Ems, Weser, Elbe, Oder und deren Zuflüssen. Das erklärte Ziel dieses Citizen-Science-Projekts mit dem Namen MyOSD formuliert Frank Oliver Glöckner, Professor für Bioinformatik an der Jacobs University und dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, folgendermaßen: „Die Zusammenarbeit von Forschern und Bürgern beim MyOSD erlaubt es uns, die mikrobielle Diversität der deutschen Flüsse und Küsten in einer nie dagewesenen Auflösung zu erfassen. Mit dem daraus entstehenden Datenschatz werden wir den menschlichen Einfluss auf deren mikrobielle Lebensgemeinschaften um ein Vielfaches besser verstehen lernen.“

Unmöglicher Vergleich?

Gut möglich, dass die aus MyOSD gewonnenen Daten in den Jahren darauf auch in unseren Publikationsanalysen auftauchen werden. Schließlich wird schon der hier und jetzt vorliegende Vergleich „Meeres- und Frischwasserbiologie“ stark von Mikrobiologie und Mikrobiomik dominiert.

Diese Feststellung deutet allerdings auch ein Dilemma dieser Publikationsanalyse an – daher zunächst ein paar Sätze dazu, bevor wir tiefer in die Analyse einsteigen. Konkret könnte man das Problem an der Frage festmachen: Kann man im Rahmen ein und derselben Publikationsanalyse überhaupt so verschiedene Forscher wie Mikrobiologen, Zoologen, Botaniker, Bio(geo)chemiker, Ökologen, Toxikologen und noch weitere aus vielen anderen Ecken der sogenannten Life Sciences miteinander vergleichen? Eigentlich nicht wirklich. In der „Meeres- und Frischwasserbiologie“ jedoch geschieht genau das.

Gemischtwarenladen

Nehmen wir beispielsweise die Journals, die die Datenbank Web of Science – welche wir als Basis für unsere Publikationsanalyse nutzen – ihrer Kategorie „Meeres- und Frischwasserbiologie“ zuteilt. Da stehen etwa Coral Reefs, Harmful Algae sowie Fish Physiology and Biochemistry direkt neben Botanica Marina, Biofouling und Aquatic Microbial Ecology – gefolgt wiederum von Diatom Research, Aquatic Toxicology und Marine Biotechnology. Ein wahrer Gemischtwarenladen also, den lediglich das Element Wasser lose verbindet.

Für die Liste der fünfzig meistziterten Meeres- und Frischwasserbiologen (siehe Tabelle Seite ??) bedeutet das, dass man diese nicht bedingungslos anhand der reinen Platzierungen miteinander vergleichen sollte. Denn was kann man daraus schließen, wenn etwa der Meeres-Mikrobiomiker dreimal mehr Zitierungen hat als der Korallenriff-Ökologe? Zunächst einmal heißt das nur, dass der Mikrobiomiker auf deutlich mehr Kollegen trifft, die ihn potentiell zitieren können, als dies bei dem Korallenriff-Ökologen der Fall ist. Daraus hingegen gleich weiter zu folgern, dass der Mikrobiomiker ein dreimal besserer Forscher ist als der Korallenriff-Ökologe, wäre Quatsch. Solche und ähnliche voreiligen Fehlschlüsse sollte man beim Durchgehen der vorliegenden Zitationsliste also tunlichst vermeiden.

Jetzt aber noch kurz zu den Listen, die ja eigentlich für sich selbst sprechen. Die zehn bis heute meistzitierten Artikel der Jahre 2010 bis 2014 lassen sich grob folgendermaßen einteilen: Fünf behandeln größere bis globale Zusammenhänge bezüglich Ökologie, Biodiversität und/oder Biogeochemie verschiedener aquatischer Lebensräume – nämlich die Artikel auf den Plätzen 1, 6, 7, 8 und 10; drei weitere Arbeiten analysieren jeweils das Genom eines Wasserbewohners (Plätze 3, 4 und 9); und die übrigen zwei (Plätze 2 und 5) stellen Tools zur vergleichenden Sequenzanalyse vor, die unter der Federführung des bereits erwähnten Bioinformatikers Frank Oliver Glöckner am Bremer MPI für Marine Mikro­biologie entwickelt wurden.

27mal Salz-, 23mal Süßwasser

Frank Oliver Glöckner führt auch die Liste derjenigen fünfzig Forscher an, deren Artikel aus den Jahren 2010 bis 2014 bislang am häufigsten zitiert wurden. Damit verwies er nicht nur seine Bremer Bioinformatiker-Kollegen Jörg Peplies und Elmar Prüsse auf die Plätze 2 und 6, sondern ließ auch den Leiter „seiner“ Abteilung „Molekulare Ökologie“ am MPI für Marine Mikro­biologie, Rudolf Amann, hinter sich auf Platz 3. Wie zuvor schon angedeutet, zeigt dies deutlich, in welchem Maße die hiesige „Meeres- und Frischwasserbiologie“ von denjenigen dominiert wird, die die Ökologie aquatischer Mikroben-Gemeinschaften mit genomischen und bioinformatischen Methoden erforschen.

Bremen ist mit diesen Vieren als Vertreter meeresbiologischer Forschung aber noch lange nicht am Ende. Zehn weitere „Köpfe“ aus dem MPI für Marine Mikrobiologie schafften es noch unter die Top 50. Dazu kommen mit Kai-Uwe Hinrichs (15.) und Antje Boetius (20.) noch zwei Kollegen aus dem MARUM-Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen, sowie mit Hans-Otto Pörtner (5.) und Uwe John (30.) nochmals zwei aus dem Alfred-Wegener-Institut für Meereswissenschaften in Bremerhaven.

Zusammen stellt diese Bremer/Bremerhavener Phalanx also 19 Meeresbiologen – nicht schlecht, vor allem wenn man bedenkt, dass insgesamt nur 27 Meeresforscher unter den Top 50 vertreten sind.

Wenig Österreicher, wenig Frauen

Die Forschungsobjekte der insgesamt 23 übrigen „Köpfe“ tummeln sich dagegegen in See- oder Fließgewässern. Mit Mark Gessner vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (Platz 7) kam allerdings nur ein Vertreter unter die ersten Zehn. Mit Platz 11 dieses Ziel knapp verfehlt hat der Konstanzer Cichliden-Spezialist Axel Meyer – womit er zugleich eine Untergruppe von insgesamt zehn Top 50-Forschern anführt, die entweder ausschließlich oder wenigstens teilweise Fragestellungen aus der Evolution unter die Wasseroberfläche blicken lässt.

Doch kommen wir noch einmal zurück zur geographischen Verteilung der Top 50. Fünf Forscher aus der deutschsprachigen Schweiz schafften den Sprung in die Liste, angeführt vom Fischevolutions-Experten Ole Seehausen auf Platz 13. Aus Österreich schafften dies dagegen nur die zwei Kollegen Gerhard Herndl (18.) und Ulf Dieckmann (43.).

In der „Institutswertung“ landeten das Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei sowie das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel mit jeweils fünf Top 50-Forschern hinter dem erwähnten Bremer MPI auf den folgenden Plätzen.

Und die Frauenquote? Vier Forscherinnen platzierten sich in der Liste der fünfzig Meistzitierten – am weitesten „vorne“ die Schweizerin Juliane Hollender auf Platz 14. Die meisten anderen biologischen Disziplinen schaffen eine bessere Quote.


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Letzte Änderungen: 11.06.2016


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