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Börse brutal

(27.06.2019) So manche Biotech-Firma drängt es an die Technologie-Börse Nasdaq. Bei InflaRx in Jena bereut man den Schritt vielleicht, ihr Wertpapier ist heftig abgestürzt.
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Der Gang an die Börse bringt nicht selten ein Wechselbad der Gefühle mit sich. Auf rasante Abstürze inklusive flauem Gefühl im Magen folgen euphorisierende Aufstiege – eine Achterbahnfahrt ist nichts dagegen. Meist reicht schon eine misslungene klinische Studie aus, und der Aktienkurs eines Unternehmens befindet sich im freien Fall. Genau das macht die Biotech-Firma InflaRx aus Jena, seit November 2017 an der Technologie-Börse Nasdaq gelistet, gerade durch. Noch im April hatte „Der Aktionär“ verkündet: „InflaRx: Diesen deutschen Biotech-Senkrechtstarter müssen Sie kennen“. Drei Monate später hieß die Schlagzeile: „Schock für die deutsche Biotech-Szene – Aktie bricht 82 % ein“. Was war passiert?

Das Entwicklungsprogramm von InflaRx – Ende 2007 von den Wissenschaftlern Niels Riedemann und Renfeng Guo gegründet – ist recht übersichtlich. Genau genommen gibt es nur zwei Wirkstoff-Kandidaten, IFX-1 und IFX-2. Beiden gemein ist, dass sie in das Komplementsystem eingreifen, das unter normalen Umständen zum Beispiel Phagozyten dabei hilft, bakterielle Bösewichte aufzuspüren und auszuschalten. Unter unnormalen Umständen kann die Immunantwort aber außer Kontrolle geraten – die Folge sind verschiedene Entzündungskrankheiten wie Lupus, Psoriasis und Rheumatoide Arthritis. Hier greift IFX-1 ein. Der monoklonale Antikörper bindet und unterdrückt die Aktivität von C5a, einem entzündungsfördernden Peptid und Spaltprodukt des Komplementfaktors C5.

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Heilung: unbekannt

InflaRx entwickelte den Entzündungsblocker speziell für die Behandlung von Hidradenitis suppurativa (HS). Bei dieser Erkrankung bilden sich schmerzhafte Fisteln und Abszesse auf der Haut der Betroffenen, die vernarben können. Wie die Krankheit entsteht, ist bisher unbekannt. Ebenso unbekannt ist, wie man sie heilen kann.

Ärzte haben aktuell nur ein einziges Mittel in ihrem Medikamenten-Arsenal: den Tumor­nekrose-Faktor-Inhibitor Humira von Abbvie. Da er zum Beispiel auch bei Rheumatoider Arthritis eingesetzt wird, avancierte er zwischenzeitlich zum weltweit meistverkauften Medikament. Im letzten Jahr brachte es dem US-amerikanischen Pharmaunternehmen fast 20 Milliarden US-Dollar ein. Ein Ende der rekordverdächtigen Einnahmen ist jedoch in Sicht. Denn in der EU sind seit letztem Jahr diverse Biosimilars mit zum Teil wohlklin­genden Namen am Start: Alimatoz von Sandoz, Hulio von Mylan und Idacio von Fresenius Kabi werden Abbvie den nächsten Geschäftsbericht wohl gründlich vermiesen. In den USA konnte man sich mit abgeschlossenen „Settlements“ die Konkurrenz noch bis 2023 vom Leib halten.

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Enthusiastisch in die nächste Phase

Die Gewinnaussichten für die Komplement-Blocker von InflaRx sind also durchaus groß. Auch „Der Aktionär“ bescheinigte der Aktie „gewaltiges Potential“ – wenn, ja wenn die jüngsten positiven Studien-Ergebnisse aus Phase 2a bestätigt werden können. In der Tat zeigten die 12 Teilnehmer der Vorläuferstudie eine klinische Ansprechrate von 83 %. Enthusiastisch leiteten die Jenaer die nächste Phase (2b) mit fast 180 Teilnehmern ein, hoffte man doch, „dass wenn sich das Grundprinzip der derzeitigen HS-Studie bestätigt – also dass wir Neutrophile deaktivieren können und wir damit einen therapeutischen Effekt erzielen –, dann bedeutet das, dass der Weg offen ist, für viele weitere Indikationen“, gab sich InflaRx-Finanzvorstand Arnd Christ noch im Frühjahr im Gespräch mit „Der Aktionär“ zuversichtlich.

Nach der ersten Auswertung der Daten machte sich jedoch Ernüchterung breit. „Wir sind enttäuscht, dass wir für die Behandlung mit IFX-1 kein signifikantes Ansprechsignal in der Dosis erzielen konnten. Wir werden nun weitere Daten auswerten,“ teilt Othmar Zenker, Chief Medical Officer von InflaRx, in der dazugehörigen Pressemeldung mit.

Die Börse jedoch verzeiht keine enttäuschenden Ergebnisse. Noch am selben Tag fiel der Wert der InflaRx-Aktien an der Nasdaq um mehr als 80% von 37,29 auf 3,06 US-Dollar. Auch Tage danach (Stand: 27.6.) erholten sie sich nicht und stecken nun seit dem 5. Juni im Kurs-Tal fest.

Zum Glück hat InflaRx noch ein paar Asse im Ärmel. Zum einen zeigte die Studie, dass IFX-1 gut verträglich ist, die Nebenwirkungen hielten sich in Grenzen. Und es sind bereits weitere Phase-2-Studien im Gange. Hier soll sich IFX-1 bei der Therapie von ANCA-assoziierter Vaskulitis, einer Gefäßentzündung, sowie Pyoderma gangraenosum, einer schmerzhaften Hauterkrankung mit Geschwür­bildung, beweisen. Außerdem muss sich das Jenaer Unternehmen momentan keine Sorgen um ihre Finanzen machen, es verfügt über einen Cashbestand von 156,6 Millionen Euro.

Die Börse lockt

Auch andere deutsche Biotech-Firmen lockt das hin und wieder wackelige Börsenparkett. Bereits gewagt hat den Schritt an die Nasdaq die Martinsrieder Immunic AG. Allerdings auf Umwegen. In einem sogenannten Reverse Takeover ließen sich die Bayern vom börsen­notierten US-amerikanischen Unternehmen Vital Therapies übernehmen. Deren Aktien wanderten zu den Immunic AG-Investoren, die nun fast 90 % von Vital Therapies halten. Die Übernommenen sind nun also die eigentlichen Chefs. Deshalb gab Vital Therapies nicht nur seine Aktien ab, sondern auch seinen Namen, sie firmieren nun unter Immunic Inc. Der Börsengang durch die Hintertür soll die klinische Pipeline der Martinsrieder weiter finanzieren. Der Leitkandidat IMU-838 blockt die intrazelluläre de-novo-Biosynthese von Pyrimidinen und wird derzeit in einer Phase-2-Studie zur Behandlung von Colitis ulcerosa, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung, und bei Multipler Sklerose getestet.

Auch an der Ostsee spielt man schon recht konkret mit dem Börsen-Gedanken. Wahrscheinlich zieht es die Rostocker CENTOGENE AG schon in diesem Jahr an die Nasdaq. 2006 als Ausgründung der Uni Rostock ins Leben gerufen, verfügt man mittlerweile über das wohl größte Portfolio genetischer Tests auf seltene Erbkrankheiten. Zuletzt konnte der Diagnostik-Spezialist 45 Millionen Euro Umsatz einfahren.

Weltweit größter IPO

Gemunkelt wird bereits seit Anfang des Jahres, dass auch die Mainzer BioNTech ihren Börsengang plant. 800 Millionen US-Dollar könnte der Schritt dem Unternehmen einbringen, es wäre der weltweit größte Biotech-IPO – jemals. „Bei den Meldungen handelt es sich um Gerüchte. BioNTech hat verschiedene Finanzierungsformen im Blick, der Börsengang ist eine davon,“ erklärt ein BioNTech-Sprecher im März. Im Gegensatz zu InflaRx ist BioNTechs potentielle Produktpalette breit. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf Krebs, dem man mit CAR-T-Zellen, pharmakologisch optimierter, proteinkodierener RNA oder bispezifischen Antikörpern zu Leibe rücken will. Rund 850 Mitarbeiter hat das 2008 von Ugur Sahin und Christoph Huber als Spin-off der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz gegründete Unternehmen. Beteiligt sind auch ein paar alte Investoren-Hasen: die Strüngmann-Brüder sowie Dietmar Hopp.

Letzterer hält auch Anteile an Curevac, die ebenfalls über den Gang an eine US-Börse nachdenken. Die Tübinger um Ingmar Hoerr, Steve Pascolo und Florian von der Mülbe haben sich mRNA als Therapeutikum und Impfstoff auserkoren, um Krebs, aber auch Tollwut, Influenza und HIV zu bekämpfen. „The RNA people“ – 2000 als Spin-off der Uni Tübingen gegründet – haben aktuell vier heiße Eisen im Phase-1-Feuer.

Kathleen Gransalke



Letzte Änderungen: 27.06.2019

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