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Paper aus der Mühle

(23.04.2020) Bilder-Detektive fanden erneut viele Auffälligkeiten in publizierten Western Blots – auffällig viele Gemein­samkeiten. Stammen sie aus derselben Quelle?
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Vor einigen Jahren gab die Mikrobiologin Elisabeth Bik ihren Job auf und machte ein Hobby zum – unbezahlten – Beruf: sie durchforstet wissen­schaftliche Publikationen und sucht nach Manipulationen in Bildern. Im Jahr 2016 hatten sie und zwei Kollegen in 20.000 Papern nach duplizierten Bildern geforscht. Sie fanden bei 400 deutliche Hinweise auf eine gezielte Fälschung (mBio, DOI: 10.1128/mBio.00809-16).

Im Februar meldete sich Bik erneut zu Wort – mit wiederum alarmierenden Zahlen. Auf ihrem Blog „Science Integrity Digest“ veröffentlichte sie eine Liste mit über 400 Publikationen, die anscheinend alle aus einer Quelle stammen – obwohl sie mit unterschied­lichen Autoren in verschiedenen Journals publiziert worden waren. Bik legte ihr Augenmerk diesmal auf Western Blots.

Schon zuvor war nämlich Jana Christopher, die sich für die vier FEBS-Journals Abbildungen in Manuskripten anschaut, aufgefallen, dass in 12 abgelehnten Manuskripten die Western Blots merkwürdig ähnlich ausgesehen hatten. Sie berichtete, die Hintergründe vieler Blots seien einander verdächtig ähnlich, was die Vermutung nahelegte, dass die Banden aus anderen Blots kopiert und auf immer den selben Hintergrund eingesetzt worden seien (FEBS Letters, 592: 3027-9). Sowohl sie als auch die australische Kollegin Jennifer Byrne vermuteten, dass hier so genannte kommerzielle „Paper Mills“ am Werk gewesen seien, die Publikationen produzieren, von denen man nicht einmal annähernd weiß, ob überhaupt nur eines der beschriebenen Experimente tatsächlich von den Autoren gemacht wurde (FEBS Letters, 594: 583-9).

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Ein Millionen-Geschäft

Paper Mills sind Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, redaktionellen Service anzubieten, der weit über das hinausgeht, was für die Publikation wissenschaftlicher Arbeiten akzeptabel ist. Man kann sich da als Autor für eine Publikation in einem zitier­indexierten Journal einkaufen. Solcher Service wird oft versteckt angeboten, etwa von sogenannten Biotech-Firmen oder Firmen, die Auftrags­forschung anbieten“, sagt Christopher im Laborjournal-Gespräch (lesen Sie auch das Kurzinterview mit ihr unter diesem Artikel). „Es gab mal eine Schätzung, in 2011 glaube ich, wonach Paper Mills alleine in China rund 4,46 Millionen US-Dollar umsetzten. Und es gibt ja nicht nur in diesem Land solche Unternehmen.“

Christopher schätzt, dass eine Autorenschaft je nach Renommee der Zeitschrift 1.500 bis 25.000 US-Dollar kostet. Wie genau die Paper Mills arbeiten, ist jedoch kaum bekannt, „aber es scheint, dass sie Quantität und Qualität in Einklang bringen müssen und daher oft mit einer Art Template arbeiten. Sie benutzen immer wieder identische oder sehr ähnliche Textpassagen. Die Manuskripte sind oft gleich aufgebaut, die Hypothesen und experi­mentellen Ansätze sind einander oft sehr ähnlich, ebenso das Layout und außerdem die Abbildungen.“

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In Kaulquappen-Form

Die Science-Integrity-Detektive Bik, Smut Clyde, Morty und Tiger waren der Spur von Christopher und Byrne gefolgt. In mehr als 400 Papern hatten sie Western-Blot-Banden entdeckt, die sich sehr ähnelten, ein wenig verschmiert oder gar fleckig waren und oft die Form einer Kaulquappe hatten. Darunter waren auch jene, die Byrne und Christopher schon identifiziert hatten. „Alle Banden waren auf ähnlich aussehenden Hintergründen platziert, was darauf hinweist, dass sie von anderen Quellen kopiert oder mit dem Computer generiert sind“, schreiben Bik und Kollegen. Aber nicht nur Western Blots, auch Bilder von Flow-Cytometry-Analysen wurden anscheinend kopiert und verfälscht.

Außerdem zeichnen sich die Struktur der Paper und deren Titel durch eine verblüffende Homogenität aus. Dazu schreiben die Detektive, es sei ihnen klar, dass Aufbau von Titel und Paper alleine nicht ausreichen, um einen Artikel als möglicherweise gefälscht zu bezeichnen, aber in Kombination mit den Western Blots und bestimmten Balken­diagrammen seien auch dies Hinweise, dass das Paper aus einer Paper Mill stamme. Da die Banden auf den verdächtigen Western Blots wie Kaulquappen (englisch: Tadpole) aussehen, bezeichneten die Forscher die Quelle der Paper als „Tadpole Paper Mill“.

Die Liste der von Bik und Co. inkriminierten Paper ist öffentlich. Über die Hälfte der dort zitierten Artikel erschien in nur sechs Journals, was nicht gerade für eine hohe Qualität des Review-Prozesses durch die betreffenden Redaktionen spricht. Spitzenreiter dieser Liste ist die Open-Access-Zeitschrift Artificial Cells and Nanomedicine mit 76 vermutlichen Fälschungen. Immerhin 57 unter Verdacht stehende Artikel wurden vom Journal of Cellular Biochemistry gedruckt, 46 veröffentlichte Biomedicine & Pharmaco­therapy.

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Alter Bekannter unter Top 5

Auf Platz vier der „Tadpole-Liste“ rangiert übrigens die Zeitschrift Cellular Physiology and Biochemistry (CPB) mit 26 fragwürdigen Artikeln aus den Jahren 2017 und 2018. CPB wurde bis etwa Mitte 2019 vom Karger Verlag herausgegeben, der die Zeitschrift jedoch einstellen wollte, weil es Differenzen über redaktionelle Entscheidungen gegeben hatte. Chefredakteur war damals Florian Lang von der Universität Tübingen (Laborjournal berichtete).

Nachdem Clarivate Analytics angekündigt hatte, der Zeitschrift aus verschiedenen Gründen den Impact Factor zu entziehen, beendete Karger seine Tätigkeit für das Journal. Es bekam einen neuen Herausgeber, neuer Chefredakteur wurde Erich Gulbins von der Uniklinik Essen. In einer E-Mail schreibt Gulbins, er und Lang seien von den jetzigen Ereignissen „sehr schockiert“.

Sämtliche inkriminierten Artikel stammen von Autoren, die an chinesischen Universitäten oder Kliniken dreier Provinzen arbeiten. Fünf Arbeiten kommen vom Jining No. 1 People’s Hospital, sogar zehn vom China-Japan Union Hospital of Jilin University. Dazu Gulbins: „Es wäre meines Erachtens freilich nicht angemessen, nun alle chinesischen Arbeiten unter General­verdacht zu stellen. Vielmehr wurden – unabhängig von der Herkunft – alle Arbeiten sorgfältig geprüft, bevor sie in die externe Begutachtung gegeben werden.“

Aktuell benutzen die Herausgeber eine Software, die hilft, Manipu­lationen aufzuspüren. Sie könne aber nicht erkennen, ob ein Bild oder ein Teil davon schon einmal für eine andere Abbildung benutzt wurde, erklärt Gulbins. Aber Copy-Paste-Darstellungen sollte sie doch schon finden, oder nicht? Wie auch immer, jetzt heißt es nachforschen. Dafür ist überwiegend Karger zuständig, meint Gulbins, denn die Publikationen fallen in deren Zeitraum der Verantwortlichkeit. Gulbins: „Drei Autoren haben uns auf Nachfrage valide erscheinende Originaldaten zugesandt, die nochmals eingehend geprüft werden. Die anderen Manuskripte liegen Karger zur Entscheidung vor. Die Ergebnisse der Überprüfung werden nach Abschluss kommuniziert.“

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Zu oberflächlich

Es ist offensichtlich: Artikel bzw. Abbildungen werden derzeit nicht ausreichend auf Herz und Nieren geprüft, sondern zu oberflächlich untersucht. Deshalb fordern Bik und ihre Kollegen: „Die Verlage sollten einen viel besseren Job machen beim Screenen der Paper, bevor sie sie zur Veröffentlichung akzeptieren, und sie sollten sich beim Aufspüren fabrizierter Bilder nicht nur auf unbezahlte und untrainierte Reviewer oder Freiwillige verlassen.“

Hier könnten Menschen aktiv werden, die nicht mal Wissenschaftler sein müssen, sondern besonders gut Muster erkennen können, so wie Jana Christopher. „Wenn man ein Händchen dafür hat, weiß, wonach man sucht und auch schon Fälschungen gefunden hat, ist es nicht so schwer. Ich schaue mir die Bilder in Photoshop an und habe eine Standard-Prozedur, mit der ich den Hintergrund genauer analysieren und Manipu­lationen identifizieren kann. Das kann ich aber nicht mit jedem Bild in jeder Studie machen, die bei uns eingereicht wird, dafür fehlt einfach die Zeit.“ Hier wären dann natürlich auch Software-Entwickler gefragt, zur Lösung des Problems beizutragen.

Appelle an Lauterkeit und Ehrlichkeit helfen offenbar nicht viel, um Autoren von der Publikation zumindest zweifelhafter Daten abzuhalten. Zu groß scheint der Druck, möglichst viele Paper zu produzieren. Um mehr Qualität als Quantität bemüht, zeigt sich die chinesische Regierung. Wie Nature kürzlich (579:18) berichtete, hätte die Regierung angeordnet, Institutionen nicht nur auf der Basis der Anzahl der Paper oder der Zitationen zu bewerten, sondern mehr auf Qualität zu achten. Ob das funktionieren wird?

Karin Hollricher


Kurzinterview mit Jana Christopher (FEBS Press)
„Viele Autoren sind nachlässig oder naiv“

Wie lange benötigen Sie für den Image-Check eines Artikels?
Christopher: Ich schaue mir durchschnittlich 4 oder 5 Abbildungen pro Paper an, das dauert bestenfalls 20 Minuten. Wenn wir Rohdaten anfordern müssen, bin ich aber auch schon mal mehrere Stunden beschäftigt.

Wie häufig finden Sie denn Fehler oder Fälschungen?
Christopher: Ich finde quasi täglich welche. In 25 bis 30 Prozent der zur Veröffentlichung angenommenen Artikel finde ich Auffälligkeiten aller Arten.

Oh, das ist eine immense Zahl.
Christopher: Ja, aber bei vielen Artikeln sind das eher harmlose Sachen, etwa Copy-Paste-Fehler oder zu intensives Photoshopping, um ein Bild besser aussehen zu lassen. Viele Autoren sind einfach nachlässig, oder auch nur sehr naiv, und kennen die Regeln nicht genau. Sie wissen beispielsweise nicht, dass sie den Hintergrund nicht „schön-photoshoppen“ dürfen. Dann muss ich überprüfen, ob die Daten wirklich reell sind und publiziert werden können. Die Redaktion fordert daraufhin bei den Autoren die Rohdaten an und wir versuchen festzustellen, ob die eingereichten Abbildungen den Rohdaten tatsächlich entsprechen. Das sind bei weitem nicht immer alarmierende Fälle, wir wollen nur sicher sein, dass die Daten stimmen, bevor wir sie veröffentlichen.

Und wie viele Manuskripte haben zu gravierende Fehler oder sind tatsächlich frei erfunden?
Christopher: Bei etwa 2,5 Prozent der akzeptierten Manuskripte sind die Probleme so schwerwiegend, dass wir den Daten nicht mehr trauen können und die Annahme des Manuskripts zurückziehen. Allerdings ist es möglich, dass die Zahl der Versuche, gefälschte Daten und Manuskripte zu veröffentlichen, noch höher liegt, denn die meisten eingereichten Artikel werden ja schon durch die Redakteure oder die Reviewer aussortiert.

Was tun Sie beziehungsweise die Redakteure, wenn Sie ein Paper entdeckt haben, das eindeutig Fälschungen enthält?
Christopher: Die Editoren ziehen die Annahme zurück. In schwerwiegenden Fällen benachrichtigen wir auch ggf. das Institut, von dem die Autoren stammen, damit eine Untersuchung stattfinden kann. Es ist nicht immer möglich, insbesondere in China, Kontakt zu einer zuständigen Person an den Instituten aufzunehmen. Wir haben mehrfach beobachtet, dass gefälschte Manuskripte von einem zum nächsten Journal wandern, bis sie irgendwo publiziert werden. Zum Teil werden sie sogar simultan eingereicht, obwohl das natürlich verboten ist.

Also was tun? Sollen die Forscher jetzt von jedem Experiment ein Polaroid, also ein analoges Bild machen, um sicherzustellen, dass die publizierte, und aus mehreren Experimenten zusammengestellte Abbildung nicht gefälscht ist?
Christopher: Nette Idee. Sie wären überrascht, wie oft die Wissenschaftler Rohdaten, nach denen wir fragen, nicht parat haben. Oder sie sind unvollständig und die entscheidenden Daten fehlen. Die Forscher bieten dann manchmal alternative Bilder an oder wollen das Experiment wiederholen. Aber dann frage ich mich: wenn die Rohdaten für andere Abbildungen vorhanden sind, warum haben sie dann nicht die Daten gespeichert, aus denen sie das eingereichte Bild erstellt haben? Das macht für mich keinen Sinn – und es macht uns skeptisch.

Und was machen Sie, wenn die Rohdaten fehlen? Lehnt die Redaktion dann die Veröffentlichung ab?
Christopher: Wenn ich den Verdacht habe, dass mit einer Abbildung etwas nicht stimmt, dann habe ich kein gutes Gefühl, wenn ich Rohdaten für ein anderes Bild bekomme. Ich bin aber in der wundervollen Position, dass ich zwar die Zweifel anmelden kann, aber nicht entscheiden muss, ob und was publiziert wird. Klar diskutiere ich mit den Redakteuren, aber die entscheiden letztlich.

Die Fragen stellte Karin Hollricher

Foto: Papiermühle Alte Dombach



Letzte Änderungen: 23.04.2020

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