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Prekäre Arbeit schadet der Wissenschaft

(19.07.2022) Im Juni 2021 ging der von den Autoren des Essays Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon initiierte Hashtag #IchBinHanna auf Twitter viral.
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Plötzlich gaben zahlreiche befristet angestellte Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler dem Prekariat im deutschen Hochschul­wesen öffentlich ein Gesicht, viele davon unter Klarnamen. Sie beschrieben die strukturell trostlose Perspektive in der deutschen Wissenschaft anhand von zahlreichen individuellen Beispielen. Unsere Grassroots-Initiative verließ schnell die Twitter-Blase, da auch die klassischen Medien in einer bisher kaum dagewesenen Breite über die prekären Arbeits­bedingungen in der Wissenschaft berichteten [1].

Es ist spätestens jetzt kein Geheimnis mehr, dass die Beschäftigung an deutschen Hochschulen so gar keine Ähnlichkeit mit den Bedingungen hat, die man gemeinhin mit Arbeitsverhält­nissen beim Staat assoziiert. Schon im Herbst 2020 hatten wir mit dem Hashtag #95vsWissZeitVG – in loser Anlehnung an den Reforma­tionstag – 95 Thesen gegen das Wissenschafts­zeitvertrags­gesetz (WissZeitVG) gesammelt. In ihnen fassten wir unterschiedliche Probleme zusammen, die das prekäre Arbeitswesen für Individuen, aber auch für Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft produziert [2].

Wer aber ist Hanna? Und was ist eigentlich das Wissenschafts­zeitvertrags­gesetz? Hanna ist eine fiktive animierte Doktorandin aus einem inzwischen gelöschten Erklärvideo des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), das den Adressaten und Adressatinnen die Befristungs­praxis in der deutschen Wissenschaft nicht nur erklären, sondern auch als sinnvoll und gut verkaufen sollte. Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler, die sich in Deutschland über viele Jahre von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln müssen, fühlten sich von diesem Erklärungs­versuch zu Recht verhöhnt.

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Eine wesentliche Grundlage der desolaten Befristungs­praxis für Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler ist das Wissenschafts­zeitvertrags­gesetz, mit dem 2007 ein bundesweit geltendes Sonderbefris­tungsrecht eigens für die Wissenschaft geschaffen wurde (heute gültig in der Novellierung von 2016). Wissen­schaft­lerinnen und Wissenschaftler können aufgrund dieses Gesetzes zu Qualifikations­zwecken (beispielsweise für die Arbeit an ihrer Dissertation oder Habilitation) maximal bis zu sechs Jahre vor der Promotion und weitere sechs Jahre nach der Promotion befristet angestellt werden. (Es gibt Abweichungen für Medizinerinnen sowie Mediziner und „Härtefall-Regelungen“ wie eine Familien­komponente oder das „Corona-Jahr“, deren Umsetzung in entsprechende Arbeits­verträge aber einer gewissen Willkür der Hochschulen unterliegt und vielen Wissenschaft­lerinnen sowie Wissenschaftlern deshalb gar nicht zuteil wird.)

Wem es zum Ablauf der zwölf Jahre nicht gelungen ist, eine der wenigen unbefristeten Stellen oder eine Professur auf Lebenszeit zu ergattern, muss in den meisten Fällen unfreiwillig die der eigenen Qualifikation entsprechende Arbeit in der Wissenschaft aufgeben und sich beruflich neu orientieren. Aufschub geben allenfalls Verträge mit kurzer Laufzeit aus Drittmitteln, dies dann aber weiterhin befristet. Viele Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler müssen also regelmäßig im vierten oder fünften Lebens­jahrzehnt in einer anderen Branche Fuß fassen.

Das in anderen Sparten geltende Teilzeit- und Befristungs­gesetz (TzBfG) enthält hingegen sehr viel strengere Vorgaben – schließlich ist der bundesrepu­blikanische Konsens, dass das unbefristete Arbeitsverhältnis das Normalarbeits­verhältnis bleibt. In der Wissenschaft ist es allerdings genau umgekehrt: 92 Prozent der unter 45-jährigen Beschäftigten ohne Lebenszeit­professur sind befristet angestellt [3]. Sie gelten als „Nachwuchs“, der sich noch bewähren muss. Diese fragwürdige Bewährungs­logik macht nicht einmal mehr vor den vormals als Lebens­zeitstellen ausgelegten Professuren Halt: Immer mehr Professuren werden befristet ausgeschrieben, teils sogar ohne Entfristungs­option [4].

Ein Grund für die massiv hohen Befristungs­zahlen ist die Abhängigkeit der Hochschulen von Drittmitteln, die Forschung projekt­abhängig fördern und mittlerweile dicht an die 50 Prozent der Gesamt­finanzierung herangehen. Ähnliches galt auch über viele Jahre für Stellen speziell zur Unterstützung der Lehre aus den vom Bund finanzierten Hochschul­paktmitteln. Die werden jetzt auf Basis des „Zukunfts­vertrags Studium und Lehre stärken!“ verstetigt – gerade weil man erkannt hat, dass aus den bisherigen Zuschüssen sehr viele befristete Stellen geschaffen worden sind. Das ist mit nachhaltiger Lehre nicht kompatibel. Inwieweit die Änderung indes dazu geeignet ist, der Situation abzuhelfen, bleibt abzuwarten. Denn die mit den Bundesländern abgeschlossenen Verträge lassen doch stark verbindliche Zusagen zur Schaffung von Dauerstellen vermissen.

Aber die überbordende Befristungs­praxis liegt nicht allein in der Projektförmigkeit der Wissenschafts­finanzierung begründet. Das zeigen die ähnlich hohen Befristungs­quoten an außeruni­versitären Forschungs­einrichtungen wie der Max-Planck-Gesellschaft, die wesentlich weniger auf befristete Mittel angewiesen sind. Hingegen wird in der Wissenschaft oft schlicht deshalb zügellos befristet, weil es gesetzlich erlaubt ist.

Außerdem: „Eigene“ abhängige Mitarbeite­rinnen und Mitarbeiter zu haben, die stets um ihren nächsten Vertrag bangen müssen, stärkt die Machtposition der vorgesetzten Professorinnen, Professoren, Direktorinnen und Direktoren und begünstigt nicht selten (die Vertuschung von) Machtmissbrauch. Denn weder können sich die Mitarbei­terinnen und Mitarbeiter gegen ihre Vorgesetzten rechtlich zur Wehr setzen, noch liegt es im Interesse einer Hochschul­leitung, Professo­rinnen oder Professoren zurechtzuweisen, wenn diese über Drittmittel­akquise und Forschungs­tätigkeiten doch wesentlich zu Finanzierung und Standing ihrer Institution beitragen.

Diese unbefriedigende Situation wurde nun im Video des BMBF als notwendige Voraussetzung für Innovation bezeichnet. Ohne stetige Fluktuation des Personals komme es zur „Verstopfung“ des Systems. Diese zynische Wortwahl macht den befristetet beschäftigten Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftlern sehr deutlich, dass sie als reines Verschleiß­material betrachtet werden und die Wissenschaft ganz offiziell als Durchlauf­erhitzer gedacht ist. Dies sei letztlich eine Form der Generationen­gerechtigkeit, weil so allen Kohorten von Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler die gleichen Chancen eingeräumt würden, wurde das BMBF nicht müde zu betonen. Natürlich ist das eine argumentative Finte, da sich bei solch hohen Befristungs­quoten und desolaten Personal­strukturen nicht sinnvoll von Chancen sprechen lässt, sondern allenfalls von Glückstreffern und der Bewahrung von Privilegien. Jeder Generation die „Chance“ einzuräumen, sich stets aufs Neue in unsachgemäßen und unfairen Beschäftigungs­verhältnissen verheizen zu lassen, hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun.

Zwar gibt es schon seit Jahren immer wieder Twitter-Aktionen, die die prekären Arbeits­verhältnisse anprangern, doch haben nie zuvor so viele Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler mit Klarnamen die Probleme und Belastungen, die diese politisch gewollte Unsicherheit mit sich bringt, derart eindringlich und öffentlichkeits­wirksam unter dem Hashtag #IchBinHanna in den Fokus gerückt. Dabei ist deutlich geworden, dass es sich keineswegs um individuelle Probleme handelt, die die Betroffenen selbst zu verschulden hätten. Vielmehr zeigen die Missstände, wie gerade Innovation und Chancen­gleichheit strukturell unterbunden werden, während hierarchischen Strukturen, Machtmissbrauch und wissenschaft­lichem Fehlverhalten zugearbeitet wird.

Ihre prekäre Situation bringt es mit sich, dass befristet beschäftigte Wissen­schaft­lerinnen sowie Wissenschaftler mehr mit dem Schreiben von Bewerbungen und Anträgen beschäftigt sind als mit Forschung, ganz zu schweigen von Lehre oder Wissenschafts­kommunikation. Die beiden letzten Aktivitäten sind im Übrigen auch nur zu einem geringen Anteil entfristungs­relevant – im Gegensatz zu Forschung und vor allem Drittmittel­einwerbung. Ein großer Anteil der Arbeitszeit wird investiert, um die eigene Finanzierung zu sichern.

Aufgrund niedriger Förderquoten ist diese Arbeit aber oft für den Papierkorb. Damit stellt das Antragswesen eine immense Verschwendung von Steuergeldern, Zeit und Motivation dar, die ihresgleichen sucht.

Die Hochschulen bieten unter solchen Bedingungen weniger die Rahmen­bedingungen für Forschung als maximal noch für die Ausarbeitung von Forschungs­phantasien, die mangels finanzieller Ressourcen zum überwiegenden Teil nie in die Tat umgesetzt werden. Damit geht der gesellschaftliche Mehrwert von Wissenschaft verloren: Bewerbungen und die Konkurrenz um Drittmittel werden zum Selbstzweck, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler werden durch die künstliche Erschaffung existenzieller Nöte dazu gezwungen, nur auf den eigenen Nutzen zu schauen, statt für das Gemeinwohl zu arbeiten – ein Ziel, das viele von ihnen ursprünglich gerade zur Wahl ihres Berufes motiviert haben dürfte. Die Folge ist Frustration auf allen Ebenen.

Dass Mittel für Forschung inzwischen in erster Linie nach aufwendigen und lange dauernden Antrags­verfahren fließen, hat neben der Prekarisierung befristetet beschäftigter Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler indes weitere negative Effekte für die Wissenschaft. Forschung kann oft nur noch betrieben werden, wenn sie in kleine Häppchen verpackt wird. Die Bearbeitung langfristiger Frage­stellungen ist deutlich erschwert. Die Folgen: Es fehlt an Grundlagen­forschung. Teuer angeschaffte Geräte verwaisen, weil sie niemand mehr bedienen kann. Aufwendig aufgebaute digitale Plattformen veralten, weil nur ihre Anlage, nicht aber ihr Betrieb auf Dauer für die an „Innovation“ interessierten Fördermittel­geberinnen und Förder­mittelgeber attraktiv ist.

In Fächern mit starker Industrie­konkurrenz ist es inzwischen schwer, Stellen überhaupt zu besetzen, da die in Frage kommenden Bewerberinnen und Bewerber anderswo deutlich bessere Bedingungen vorfinden. Hinzu kommt, dass die Antragstellung zunehmend davon beherrscht wird, inhaltlich Rücksicht auf die Geldgebe­rinnen und Geldgeber zu nehmen und Projekte danach auszurichten, was Vorgesetzte und Gutachter­kommissionen mutmaßlich gerade für sinnvoll halten. Risiko­behaftete und innovative Forschungs­ideen werden so schon häufig durch die eigene Schere im Kopf zensiert. Es ist daher gegenwärtig vermehrt Stromlinien­förmigkeit in der Wissenschaft zu beobachten. Prekär beschäftigte Mitarbei­terinnen und Mitarbeiter können sich keine Risiken leisten, wenn sie ihren Verbleib in der Wissenschaft sichern wollen. Von einer „Karriere“ kann man da eigentlich schon gar nicht mehr sprechen.

Für diese „Karriere“ zählen letztlich auch Publikationen an hochrangiger Stelle. Um die eigene Publika­tionsliste möglichst umfangreich damit zu füllen, werden gerne Inhalte wieder­verwertet und aus halbfertigen Ergebnissen steile Thesen gebaut. Zudem kommt es vor allem in Fächern mit Co-Autoren­schaften vor, dass aus strategischen Gründen oder auf ihren Druck hin Autorinnen und Autoren mit angegeben werden, die nichts mit der Publikation zu tun haben. Prekäre Beschäftigung begünstigt also auch bestimmte Formen wissenschaft­lichen Fehlverhaltens. Das hängt häufig mit den bereits zuvor erwähnten Abhängigkeits­beziehungen in der Wissenschaft zusammen: Wer ausschließlich unter den Bedingungen kurzfristiger Beschäftigung arbeitet, hängt von der Gunst etablierter Professorinnen und Professoren sowie der Verwaltung ab. Zwar stehen den Betroffenen natürlich weiterhin gesetzlich gesicherte Rechte zu; diese wird aber kaum einfordern, wer im System überleben will. So erklärt sich auch die Vielzahl der verfallenen Urlaubstage, die dringend einmal systematisch erfasst werden sollte. Statistisch gesichert ist hingegen die Anzahl der gemachten und nie vergüteten Überstunden: Die belaufen sich im Schnitt auf 13 Stunden vor der Promotion und zehn Stunden nach der Promotion – pro Woche!

Wissenschaft ist auf diese Weise primär eine Branche für die bereits ohnehin Privilegierten, die sich biografische und ökonomische Unsicherheit leisten können. Bis zur Professur ist es ein langer Weg, auf dem der zweite Platz immer der erste Verlierer ist. Da es keine „Trostpreise“, sondern nur Nieten gibt, machen sich viele potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten gar nicht erst auf den Weg. Schon Studierende bekommen mit, welche Bedingungen herrschen, und entscheiden sich früh gegen den Versuch, in der Wissenschaft zu arbeiten. Angesichts dieser Benachteiligung ist es wenig überraschend, dass zwar bei den Studierenden das Geschlechter­verhältnis längst ausgeglichen ist, sich dieses Verhältnis auf der Leitungs­ebene aber längst nicht wiederfindet: Gerade Frauen scheiden aufgrund der äußerst schlechten Verein­barkeit von Wissenschaft und Familie recht bald aus, andere bleiben ungewollt kinderlos. Viele Umzüge und lange Pendel­strecken sind mit Care-Arbeit (ob für Kinder oder pflege­bedürftige Angehörige) ebenso wenig vereinbar wie die stets drohende Gefahr von Phasen der Arbeits­losigkeit [5].

Zunächst umworbene Forschende aus dem Ausland müssen, sind sie einmal da, regelmäßig um ihren Aufenthalts­status bangen, ist dieser doch oft an den Arbeitsvertrag gekoppelt; dies ist unter anderem unter dem von Reyhan Sahin gestarteten Hashtag #IchBinReyhan nachzulesen [6]. Die Bundesrepublik Deutschland gefällt sich darin, „Nachwuchs“ ins System zu bringen und „international scholars“ ins Land zu holen (gerne auch die, die in ihren Herkunfts­ländern gefährdet sind). Was nach Auslaufen ihres Stipendiums oder ihres Vertrages aus ihnen wird, interessiert dann plötzlich nicht mehr, denn das ist anders als deren „Förderung“ keine Pressemitteilung wert.

Die wenigen privilegierten Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler sind eine kleine Elite. Das ist auch so gewollt – und die Elite wird nur noch elitärer, wenn nun auch W2-Professuren immer häufiger befristet sind. Die kleine Möglichkeit, in diese Gruppe aufzusteigen, dient als Karotte, die der Masse der Forschenden vor die Nase gehalten wird, ohne dass die meisten das Ziel jemals erreichen können. Angesichts der verschwindend geringen Chance ist von einem positiven Wettbewerb nichts mehr übrig: Es sind letztlich Netzwerke und Kontakte, die den Ausschlag geben. Mit solchen Strukturen geht eine Arbeitskultur einher, die vielfach als toxisch beschrieben werden kann. Diese gibt es zwar auch in anderen Branchen, doch ist der Vergleich mit weiteren staatlichen Arbeitsplätzen frappierend: Schul­lehrerinnen und -lehrer werden nach wenigen Jahren vielfach verbeamtet, während ihre ehemaligen Ausbilderinnen und Ausbilder weiterhin prekär beschäftigt sind, wenn sie nicht gleich ganz aus dem System ausscheiden mussten. Strukturell haben befristet beschäftigte Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler mehr Gemein­samkeiten mit Akteurinnen und Akteuren der Gig-Economy wie Uber-Fahrerinnen sowie -Fahrer, die sich ohne institutionelle Sicherheit von Auftrag zu Auftrag hangeln, als mit anderen Staats­angestellten.

Dass ein so eingerichtetes System der zahlenmäßig stärksten Gruppe an den Hochschulen, den Studierenden, nicht zugutekommt, überrascht nicht. Studierende benötigen eigentlich verlässliche Ansprech­partnerinnen und -partner, vernünftige Betreuungs­relationen und konzentrierte, einfallsreiche Lehre. Mit der permanenten Fluktuation von Lehrenden, die dazu noch unter dauerndem Bewerbungs­stress stehen, ist ihnen nicht im Mindesten gedient. Die Lehre, da kaum entfristungs­relevant, ist ohnehin das ungeliebte Geschwisterkind der Forschung an deutschen Universitäten. (An Hochschulen für Angewandte Wissen­schaften, den HAWs, sieht das etwas anders aus, aber auch dort ächzt man unter der ohnehin höheren Lehrbelastung.)

Was hat #IchBinHanna bislang gebracht? Ein wesentlicher Aspekt dürfte der Vernetzungs­aspekt im sozialen digitalen Raum mit seinem Erfahrungs­austausch sein. Dadurch ist es gelungen, dass das System als strukturell fehlerhaft erkannt und benannt wird – und sich die Betroffenen nicht mehr individuelles Versagen unterstellen (lassen) müssen.

Das Thema ist zudem nachhaltig in der Politik angekommen. Das BMBF – zu dem Zeitpunkt noch unter der Leitung von Anja Karliczek (CDU) – sah sich mehrfach zu Stellung­nahmen gezwungen und schon zwei Wochen nach dem ersten Tweet wurde eine „Aktuelle Stunde“ im Bundestag zu diesem Thema angesetzt. Im Koalitions­vertrag der neuen Regierung aus SPD, Grünen und FDP wurden sämtliche Kernforderungen von #IchBinHanna aufgegriffen. So sollen unter anderem Stellen die gesamte Dauer der Promotion abdecken und Dauerstellen für Daueraufgaben eingerichtet werden. Die neue Regierung hat sich damit zu verlässlichen Arbeits­bedingungen in der Wissenschaft bekannt und eine Reform des WissZeitVG auf Basis der mittlerweile erfolgten Gesetzes­evaluation angekündigt. (Die Evaluation sollte eigentlich schon in der vergangenen Legislatur­periode vorgelegt werden, wurde aber von der alten Regierung verschleppt.)

Da die Formulierungen im Koalitions­vertrag recht offen sind, lassen sie einigen Spielraum für die Entwicklung guter Lösungen. Gleichzeitig bergen sie das Risiko, dass Reformen nicht weit genug gehen oder sich einzelne Zielsetzungen und Maßnahmen gegenseitig konter­karieren. So ist zum Beispiel angesichts der Ankündigung, die Exzellenz­strategie zu verlängern und die Drittmittel zu erhöhen, nicht geklärt, wie dies mit einer nachhaltigen Wissenschaft und einer Möglichkeit der Erforschung langfristiger Phänomene sowie einer Verbesserung der Arbeits­bedingungen der Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler zusammengehen soll. Schließlich sind doch gerade derartige Steuerungs­hebel und Maßnahmen mitverantwortlich für die gegenwärtige unbefriedigende Situation.

Zudem müssen die Karrierewege in der Wissenschaft neu diskutiert werden. Davon führt der Koalitions­vertrag mehrere Optionen parallel auf, etwa Tenure-Track-Professuren oder mehr Dauerstellen neben der Professur. Die Pluralität der Karrierewege bringt jedoch Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler jetzt schon in die missliche Situation, dass es völlig unklar ist, welche Anforderungen zu erfüllen sind, um wenigstens eine minimale Chance auf Erfolg zu haben (zum Beispiel Habilitation: ja oder nein?). Hier müssen grundsätzliche Probleme und Unstimmigkeiten beseitigt werden. Eine punktuelle Verbesserung einzelner Programme oder Gesetzes­passagen reicht nicht aus.

Die obigen Ausführungen zeigen, wie umfassend die systemischen Probleme sind. Ohne eine tiefgehende wie umfassende Reform des Wissenschafts­systems werden sich keine Lösungen finden. Diese Aufgabe ist nicht trivial, liegen die verschiedenen Zuständig­keiten doch nicht nur beim Bund, sondern auch bei den Ländern sowie den Hochschulen und wissen­schaftlichen Einrichtungen. In diesem Bermuda-Dreieck sind schon einige Initiativen verschollen.

Auf eine große koordinierte Reform zu verzichten, kann sich die deutsche Wissenschaft jedoch nicht leisten. Nicht nur, weil vernünftige Arbeits­bedingungen einen Wert an sich darstellen, sondern auch, weil es die Wissenschaft in vielen Bereichen nicht mehr schafft, mit der außerwissen­schaftlichen Konkurrenz mitzuhalten. Wissenschaft als Beruf verliert zunehmend an Attraktivität. #IchBinHanna hat gezeigt, dass sich daran dringend etwas ändern muss, wenn deutsche Wissenschaft fair und zukunftsfähig ausgestaltet werden soll.

Das Buch zur Aktion ist am 27. März 2022 in der Edition Suhrkamp erschienen [7].

Zu den Autoren
Amrei Bahr ist Juniorprofessorin für Philosophie der Technik und Information an der Universität Stuttgart und forscht zur Kopierethik und der Ethik der Abfallentsorgung.
Kristin Eichhorn vertritt zur Zeit eine Professur für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Stuttgart.
Sebastian Kubon ist promovierter Mediävist und beschäftigt sich vorwiegend mit Public History. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg.

Referenzen
[1] Siehe den Pressespiegel auf https://ichbinhanna.wordpress.com.
[2] https://95vswisszeitvg.wordpress.com. Die Thesen liegen mittlerweile auch gedruckt vor zusammen mit Erfahrungsberichten und drei Essays. Vgl. Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon (Hg.): #95vsWissZeitVG. Prekäre Arbeit in der deutschen Wissenschaft. Marburg 2021.
[3] Vgl. Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs: Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021, doi: 10.3278/6004603aw.
[4] Kristin Eichhorn: Befristete Professuren – die nächste Bewährungsstufe. In: alma meta vom 20. März 2020; https://almameta.de/befristete-professuren-die-naechste-bewaehrungsstufe/.
[5] Vgl. Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon: Forschung auf ALG I und Hartz IV. In: Zeitgeschichte Online vom 10. Juni 2021; https://zeitgeschichte-online.de/node/58477.
[6] twitter.com/hashtag/ichbinreyhan
[7] Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon: #IchBinHanna. Prekäre Wissenschaft in Deutschland. Suhrkamp Verlag (2022).


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Letzte Änderungen: 12.07.2022