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Die Neuroanatomie
der Kreativität

(25.07.2022) Radwa Khalil von der Jacobs University Bremen simuliert im Modell, wie verschiedene Gehirnregionen bei kreativen Prozessen zusammenspielen.
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„Ich sehe Kreativität als geistigen Zustand an, in dem man seine eigenen Gedanken ausdrückt, die eine neue und manchmal anregende Perspektive der Wahrnehmung von Umweltreizen widerspiegeln können. Deshalb zeichnet uns unsere Kreativität über die Routine des Alltagslebens hinaus als Individuen aus“, erklärt Khalil, die in als Postdoc in der Bremer Gruppe von Ben Godde arbeitet. „Ich denke, dass jeder Mensch in irgendeiner Weise kreativ ist – und das ist nicht nur auf die Kunst beschränkt, wie die meisten von uns annehmen; im Gegenteil, die verborgenen Potenziale der Kreativität können auch in der Wissenschaft, der Wirtschaft, dem Schreiben, der Medizin und so weiter zum Tragen kommen. Daher sollte jeder Einzelne sein kreatives Potenzial erforschen, das seine Leidenschaft und Talente antreibt“, fügt sie hinzu. Interessanterweise wird Kreativität in verschiedenen Kulturen unterschiedlich definiert. „In Asien steht die Nützlichkeit im Vordergrund, während in Europa kreative Innovationen zwar neuartig, aber nicht unbedingt nützlich sein müssen“, erklärt sie.

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Sechs Hauptbeteiligte

Gemäß dem neuen Modell der Wissenschaftler beruht neuheitsbasierte Kreativität auf divergentem Denken, Abstraktion und Improvisation. Divergentes Denken ist hierbei als die kreative, lösungsoffene Erzeugung von Ideen zu verstehen, während man das Lösen von konkreten Problemen – wie beispielsweise die  Berechnung des Firmengewinns im letzten Quartal – dem konvergenten Denken zuordnet. „Abstraktion könnte man als das Finden von Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Objekten definieren, das auf diese Weise die Verallgemeinerung und kreative Prozesse unterstützt – insbesondere das divergente Denken“, kommentiert die Neurowissenschaftlerin. „In der Musik und im Sport könnte die Improvisation mit der neuartigen Integration bestehender motorischer Pläne zusammenhängen, die zu neuartigen Ergebnissen führt“, fügt sie hinzu.

In ihrem Übersichtsartikel (s.u.), den sie zusammen mit dem zusammen mit dem Neuroinformatik-Experten Ahmed Moustafa aus Queensland, Australien, verfasste, stellen die beiden ein algorithmisches Simulationsmodell vor, das die neuronalen Schaltkreise aufzeigt, die an divergentem Denken, Abstraktion und Improvisation beteiligt sind. „Während der präfrontale Kortex die kreative Suche nach Neuem als exekutive Kontrolle unterstützt, liefert der sensorische assoziative Kortex den Input, und der Hippocampus unterstützt die Generalisierung und die Gedächtniskodierung. Darüber hinaus übernimmt das Kleinhirn die motorische Kontrolle durch die Optimierung motorischer Vorhersagefehler, und die Basalganglien steuern die motorischen Reaktionen. Der Neuromodulator Dopamin spielt eine wichtige Rolle, indem er dazu dient, die neuronalen Bahnen zu optimieren“, erklärt Khalil.

Ein zartes Pflänzchen

„Wir denken, dass für die  verschiedenen Formen des kreativen Denkens verschiedene neuronale Schaltkreise zuständig sind, und nicht nur ein Gehirnareal für eine Art des kreativen Denken verantwortlich ist“, kommentiert sie. Aber um die Aktivierung funktioneller Verbindungen in den Gehirnregionen samt ihrer Neuromodulatoren während des kreativen Prozesses untersuchen zu können, sind  weitere technische Mittel, Ressourcen und Kollaborationen nötig. „Nehmen wir Dopamin als Beispiel: Wir wissen, dass dieser Neuromodulator unser Motivationsniveau beim Lernen stark beeinflusst. Wann immer wir etwas Neues oder Überraschendes und Unerwartetes lernen, wird Dopamin ausgeschüttet, weil wir neugierig sind“, erklärt die Wissenschaftlerin. „In der Humanforschung ist es aber schwierig, die Dopaminfreisetzung in den relevanten neuronalen Schaltkreisen bei der Ausführung kreativer Leistungen systematisch zu verfolgen. Wir können zwar die An- oder Abwesenheit von Dopamin feststellen, aber wir können noch immer nicht alle seine Wege im menschlichen Gehirn, die mit einer bestimmten Aufgabe verbunden sind, vollumfänglich verfolgen.“

Jeder Kreative weiß, dass kreative Produktivität ein zartes Pflänzchen ist, das gehegt, gepflegt und genährt werden will. „Der ‚Aha-Moment‘, wenn wir eine zündende Idee haben, kann nicht erzwungen werden. Wir können uns aber Stimuli aussetzen und die Voraussetzungen in Form von kognitiver Flexibilität, Offenheit, Achtsamkeit und spielerischem Verhalten schaffen, damit wir öfter einen ‚Aha-Moment‘ haben“, erläutert Khalil, die selbst als Wissenschaftlerin sehr kreativ ist. Ihre Publikationen beschränken sich nicht auf experimentelle und computergestützte neurowissenschaftlichen Studien. Sie beschäftigen sich auch mit den gesundheitspsychologischen Auswirkungen der Waldtherapie und weiblichen Rollenvorbildern in Gesellschaften des mittleren Ostens.

Internationale Inspirationen

Die Wahlbremerin studierte an der ägyptischen Universität Alexandria Zoologie, vergleichende Anatomie, Embryologie und Entwicklungsbiologie. An der französischen Universität Bordeaux entwickelte sie zusammen mit einem Team für Exekutivfunktionen unter der Leitung von Thomas Boraud ein Computermodell für die Entscheidungsfindung von Affen. „Zu dieser Zeit habe ich erkannt, dass theoriebasierte Computermodelle wertvolle Vorhersagen liefern können, um Hypothesen zu entwickeln, die dann in Experimenten getestet werden können“, erklärt die Neurowissenschaftlerin. Ihren Master in Integrativer Neurowissenschaft fertigte sie an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg an. Nach einem Aufenthalt als Trainee in Neuroscience an der Rutgers University, New Jersey, USA, kam sie für ihre Doktorarbeit in die Gruppe von Ben Godde, wo sie diese im Januar 2021 abschloss.

„Ich habe meinen Weg zum Thema Kreativität eigentlich in Bremen gefunden. Zu Beginn meiner Dissertation gab es kaum Publikationen zur Kreativität aus neurowissenschaftlicher Sicht, sondern hauptsächlich Publikationen aus der Psychologie mit Theorien zur Kreativität und ihren funktionellen Zusammenhängen mit der rechten und linken Gehirnhälfte“, erinnert sich Khalil. Ihre aktuellen Projekte als Postdoc zielen darauf ab, neuroanatomische Strukturen und Funktionen in kreativen Prozessen miteinander in Beziehung zu setzen.

Bettina Dupont

(Illustr.: Pixabay)

Originalartikel: Khalil R, Moustafa AA. A neurocomputational model of creative processes. Neurosci. Biobehav. Rev. 2022 Jun;137:104656. doi: 10.1016/j.neubiorev.2022.104656.

 

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Letzte Änderungen: 18.07.2022