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Mein Paper auf Chinesisch

Zuweilen übersetzt jemand einfach ein bereits publiziertes Paper -- und veröffentlicht es unter eigenem Namen. Wenn das dann auf chinesisch passiert, erfährt der "Erstautor" manchmal nie davon. Oder erst viele Jahre später, wie etwa der Leipziger Neuroforscher Andreas Reichenbach.

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(14. Juli 2009) 1996 veröffentlichten Eric Newman und Andreas Reichenbach vom Paul Flechsig Institut für Hirnforschung an der Universität Leipzig einen Review in Trends in Neuroscience mit dem Titel "The Müller Cell: A Functional Element of the Retina" (Band 19(8): 307-12). Zwei Jahre später übersetzte Yang Xiongli, Professor an der Fudan University und Mitglied der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, den Review größtenteils ins Chinesische und veröffentlichte ihn unter eigenem Namen in einem chinesischen Journal.

Erst Ende letzten Jahres griffen die Betreiber der Internetseite "China's Scientific & Academic Integrity Watch" den Fall auf und stellten fest, dass Yangs wenige Abweichungen vom Originaltext die eigentlichen Bedeutungen gar noch verfälschten. (Hier die Details für diejenigen, die der chinesischen Schriftzeichen mächtig sind.)

Eine Nachfrage der Leute von "China's Scientific & Academic Integrity Watch" beantwortete Professor Yang selbst nicht. Stattdessen erhielten sie einen offenen Brief von Yangs Studenten, in dem sie dessen Leistungen lobten und ihn verteidigten. Zum Fall selbst konnten sie jedoch nur schreiben, dass Yang das Original von Newman und Reichenbach doch immerhin zitiere -- wenn auch ganz am Ende.

Erst Ende 2007 hatte die Fudan University drei ähnliche Fälle öffentlich eingeräumt und die Verantwortlichen "bestraft". Die jedoch waren "lediglich" Doktoranden und Postdocs. "China's Scientific & Academic Integrity Watch" hat daher Zweifel, ob auch der Fall des Professors Yang jemals untersucht wird. "Would/Could a clear plagiarism case involving an Academician be investigated?", schließt deren Bericht.

"Erstautor" Andreas Reichenbach dagegen nahm's mit Humor. Von Laborjournal über die Erkenntnisse der "Integrity Watch"-Leute informiert, antwortete er:

"Danke für die interessante Neuigkeit! In der Tat habe ich das nicht gewusst (und erst recht nichts darüber gehört, dass etwas passiert wäre)... hmmm -- dazu kenne ich einen schönen Spruch: Wenn Deine Ideen niemals von anderen als die ihren ausgegeben werden, taugen sie wahrscheinlich nichts. Was natürlich nicht heißen will, dass ich das gut fände..."

Ralf Neumann


Letzte Änderungen: 04.03.2013

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