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Leitet ein Kreationist die US-Gesundheitsbehörde?

Dass ausgerechnet Francis Collins von Barack Obama zum neuen Chef der US-Gesundheitsbehörde NIH auserkoren wurde, bereitet so manchem Wissenschaftler Bauchgrimmen. Zu recht?

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(11. August 2009) Der Mann hat einen tadellosen wissenschaftlichen Leumund. In den 1980ern hat er die Gendefekte erforscht (und teilweise aufgeklärt), die die Erbkrankheiten Mukoviszidose, Chorea Huntington und Neurofibromatose auslösen. Danach leitete er das Humangenomprojekt (HGP), und hatte 2000 seinen größten Moment, als er gemeinsam mit seinem Kollegen Craig Venter und dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton der Weltöffentlichkeit dessen Vollendung (naja, zumindest der Rohversion) verkünden durfte. Das Magazin Science lobte den Mann einmal als "skilled administrator and excellent communicator", und so ist es kein Wunder, dass die Wahl ausgerechnet auf ihn fiel, als es darum ging, den Chefposten der US-Gesundheitsbehörde NIH neu zu besetzen.

Wissenschaftsmanager mit tadellosem Leumund

Die Rede ist vom amerikanischen Genetiker Francis Collins. Nachdem Obamas Wahl in der zweiten Augustwoche vom US-Senat abgenickt wurde, ist der 59-jährige auch offiziell NIH-Chef - und damit neuer Herrscher über 27 Institute und Forschungszentren (die meisten davon in Bethesda, Maryland, gelegen), in denen rund 18.000 Menschen beschäftigt sind. Der Jahresetat der Riesenbehörde NIH beträgt derzeit umgerechnet etwa 22 Mrd. Euro, von denen 18 Mrd. Euro direkt zum Zwecke der Bioforschung ausgeschüttet werden.

Zum Vergleich: In Deutschland stehen 2009 insgesamt etwa 7 Mrd. Euro an öffentlichen Forschungsmitteln zur Verfügung; davon entfallen auf die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2,1 Mrd. Euro, auf die Max-Planck-Gesellschaft 1,2 Mrd. Euro, auf die 86 Leibniz-Institute 0,9 Mrd. Euro und auf die Errichtung und den Erhalt von Forschungsbauten an Hochschulen klägliche 0,2 Mrd. Euro.

Machte Obama den Bock zum Gärtner?

Dass Clintons Nachfolger Barack Obama ausgerechnet den leidenschaftlichen Motorradfahrer und Hobby-Gitarristen Collins zum mächtigsten US-Wissenschaftsmanager gemacht hat, sorgt unter Bioforschern für Unruhe. Collins präsentiert sich der mehrheitlich Evolutions-skeptischen US-Öffentlichkeit in Shows und Diskussionen gerne als "aufrichtiger Gläubiger" und "wiedergeborener Christ". Wissenschaft, sagt Collins gegenüber dem Fernsehsender CBN News, sei für ihn "eine Form von Gottesdienst". 2006 sorgte der Genetiker mit seinem Buch The Language of God: A Scientist Presents Evidence for Belief (besprochen in Lab Times 4/2006) für Wirbel. Darin entwarf er eine "theistische Evolution", die für jedes derzeit noch nicht vollends geklärte wissenschaftliche Problem die Existenz eines Gottes postuliert - so auch für die Entstehung des Lebens und des Wellalls.

Collins taufte dieses Gedankengebäude "BioLogos" und rief auch flugs eine gleichnamige Organisation ins Leben, deren Präsident er eine zeitlang war und die für eine ziemlich weichgezeichnete "Harmonie zwischen Wissenschaft und Glauben" plädiert (Motto: "We believe that faith and science both lead to truth about God and creation"). BioLogos (und damit deren Gründer Collins) behauptet unter anderem, dass das All vor 14 Milliarden Jahren von Gott geschaffen worden sei, dass die Eigenschaften des Alls speziell zur Erschaffung des Lebens eingerichtet worden seien, und dass der Mensch bezüglich gewisser spriritueller Eigenschaften (etwa der Suche nach Gott) einzigartig sei.

Geistige Nähe zum Kreationismus?

Derartige Glaubenssätze führten zwangsläufig dazu, dass viele Wissenschaftler Collins eine geistige Nähe zum Kreationismus beziehungsweise evolutionskritischen Thesen unterstellen. Der scharfzüngige US-Autor und Neurowissenschaftler Sam Harris etwa kritisierte: "Müssen wir wirklich die Zukunft der biomedizinischen Forschung einem Mann anvertrauen, der allen Ernstes glaubt, dass das Wesen des Menschen naturwissenschaftlich nicht verstehbar ist?" (siehe auch "The strange case of Francis Collins", www.reasonproject.org/archive/item/the_strange_case_of_francis_collins2).

Collins indes hat eine geistige Nähe seiner Theorien zum Kreationismus oder zum Intelligent-Design-Konzept der amerikanischen Fundamentalisten bisher kategorisch abgestritten. Was seine Dementi wert sind, wird die Zukunft zeigen. Öffentlich kritisieren mag ihn bisher kaum ein prominenter US-Forscher - wer möchte es schon riskieren, bei der künftigen NIH-Mittelvergabe mehr oder weniger subtil boykottiert zu werden? Weltweit blicken jedenfalls tausende Forscher mit Argusaugen aufs NIH, dessen Leiter und dessen künftige Verlautbarungen.

Winfried Köppelle


Letzte Änderungen: 04.03.2013

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