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Verlässlich und verlassen

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


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Schöne Biologie

Gewöhnlich bringt man mit Wissenschaft umgehend gewisse Schlüsselattribute in Verbindung. „Objektiv“ zum Beispiel, oder – neuerdings vor allem – „faktenbasiert“. Oder auch „verlässlich“. Denn wenn man sich nicht auf die in aller Regel zigfach geprüften Erkenntnisse der Wissenschaft verlassen kann – worauf denn dann?

Letzteres gilt umso mehr für das Binnensystem der Forscher selbst. Hundertprozentig müssen sie sich auf die Daten und Erkenntnisse verlassen können, auf denen sie ihre eigenen Hypothesen und Projekte aufbauen. Was einem droht, wenn solcher „Unterbau“ sich am Ende doch als allzu schwammig erweist, ist klar: der sprichwörtliche Holzweg – dazu noch teuer erzimmert!

Dummerweise rutschen Forscher doch öfter auf solch schwammigem Untergrund aus, als uns allen lieb sein kann. Und leider sind die Ausrutscher allzu oft gut nachvollziehbar. Oder will etwa jemand Theophilus Painter Unlauteres vorwerfen, weil er 1923 aufgrund der unzureichenden Methodik seiner Zeit einen diploiden Satz von 48 menschlichen Chromosomen zählte – statt der realen 46? Oder diejenigen Forscher rügen, die Ende der 1980er das Gen ZFY auf dem Y-Chromosom als den Schlüsselfaktor proklamierten, der im Embryo die geschlechtliche Entwicklung zum Manne startet – anstelle des in enger Nachbarschaft liegenden SRY, das sich einige Jahre später als tatsächlicher „Mannes-Faktor“ entpuppte?

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Irrwege wie diese einzuschlagen, kommt in der Wissenschaft leider immer wieder vor. Doch zum Glück findet sie in den meisten Fällen halbwegs schnell wieder zurück auf den „rechten Pfad“. Allerdings nicht immer. Manchmal kann es ziemlich lange dauern. Und bis dahin sind leider oft schon viele Holzwege verlegt.

Solche Fälle offenbaren sich vor allem dann, wenn sich herausstellt, dass lange etablierte sowie weithin genutzte Methoden oder Werkzeuge doch nicht ganz – oder nicht nur – das tun, wofür man sie eigentlich einsetzt. Womit wir wieder beim Stichwort „Verlässlichkeit“ wären...

Nehmen wir etwa die gute, alte Technik des Phagen-Displays zur Isolation von Protein-Interaktionspartnern samt ihrer kodierenden DNA-Sequenz. Vor gut zehn Jahren beschrieb ein Paper, dass bei dieser Technik in einigen Fällen ganz bestimmte Sequenzen falsch-positiv mitselektiert werden. Und natürlich identifizierten die Autoren gleich jede Menge Studien, die in völlig unabhängigen Versuchsreihen von ein und demselben falschen Peptid auf den Holzweg geführt wurden (BMC Bioinformatics 8: 280).

Auf ähnliche Weise schlugen erst in diesem Frühjahr zwei US-Forscher Alarm. In Neuron gaben sie zu bedenken, dass mit der Voltage Clamp-Technik insbesondere bei Nervenzellen mit vielen Dornfortsätzen die Spannung nicht effizient geklemmt werden kann – und die tatsächliche Aktivität der Synapsen daher falsch abgebildet würde (Neuron 97: 75-82). Weswegen die Autoren am Ende das Szenario entwerfen, dass womöglich in vielen Voltage Clamp-Papern falsche Aktivitäten berichtet wurden.

Und das neueste Beispiel: Gerade eben verkündeten Schweizer Forscher, dass die allermeisten als „neutral“ erachteten genetischen Marker offenbar doch selektiven Prozessen unterliegen. Das Problem dabei: Wegen ihrer vermeintlichen Neutralität setzten Humangenetiker diese beim Vergleich verschiedener Humanpopulationen weithin als Standard ein. Jetzt, so schließen die Autoren, habe sich gleichwohl herausgestellt, dass die Marker nicht wirklich als Eichmaßstab taugen – und daher wohl viele populations­genetische Vergleichsstudien verzerrte Ergebnisse geliefert haben (eLife 7: e36317).

Was wieder einmal zeigt: Klar, müssen Forscher sich auf die Erkenntnisse der Kollegen verlassen können – mehr noch aber auf ihre Werkzeuge und Methoden.



Letzte Änderungen: 05.12.2018


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