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Buchbesprechung

Winfried Köppelle


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Amanda Ripley:
Survive. Katastrophen – Wer sie überlebt und warum.

Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag; Auflage: 1 (10. Juni 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 359618276X
ISBN-13: 978-3596182763
Preis: 14,95 EUR

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Angewandte Evolution - Wenn das Hirn leuchtet

Wie man Katastrophen überlebt – oder auch nicht.

Was eine Katastrophe ist, das wissen wir seit den wegweisenden Forschungsarbeiten des Altgermanisten Gerhard Polt in den 1970er Jahren: Wenn der Schmorbraten anbrennt. Was im menschlichen Gehirn bei solchen und ähnlichen Katastrophen (Wirbelstürmen, Geiseldramen, Pilgerpanik) abläuft und welche Lehren man angeblich daraus ziehen kann, hat die amerikanische Journalistin Amanda Ripley niedergeschrieben. Für ihr Buch Survive (in den USA seit Jahren ein viel verkaufter Longseller) interviewte Ripley Überlebende, Neurophysiologen, Feuerwehrleute und Armeeausbilder und leitete aus den so erhaltenen Aussagen die frohe Kunde ab: Wir haben mehr Kontrolle über unser Schicksal, als wir glauben.

Jaja, die Amerikaner. Schön, wenn es so wäre.

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Geschrumpfte Hippocampi

Doch gleich mehrere Dinge lassen den Leser daran zweifeln, dass man sich das Meistern von Katastrophen so einfach aneignen kann wie Ripley suggeriert (Aufschrift auf dem Buchdeckel: „Überleben kann man lernen“). Zum einen stellt die Autorin (eine fürs Time-Magazin arbeitende Politikwissenschaftlerin) recht gewagte Schlussfolgerungen an, wenn es um die Erkenntnisse der Hirnforschung geht. So etwa hätten Hirnforscher gefunden, dass traumatisierte Vietnam-Veteranen im Vergleich zu gesunden Kameraden verkleinerte Hippocampi besitzen. Das stimmt zwar, und es gibt seit einigen Jahren auch tatsächlich Hinweise darauf, dass posttraumatische Belastungsstörungen zu einer Schrumpfung des Hippocampus führen können, während (zumindest im Tierexperiment) das „Furchtzentrum“, die Amygdala, nach traumatischen Erlebnissen komplexer verschaltet wird.

Doch der von Ripley gezogene Umkehrschluss „kleiner Hippocampus = psychisch labiler Angsthase“ ist schlicht Milchmädchen-Neurologie. Die Autorin ging sogar soweit, ihren eigenen Hippocampus computertomografisch vermessen zu lassen (und hinterher beruhigt zu konstatieren, ihr Gehirn würde während und nach lebensbedrohlichen Situationen „in gewisser Weise belastbarer sein“: wegen ihres vergleichsweise großen Hippocampus). Einbildung ist auch Bildung, aber trotzdem möchte der Rezensent mit Ripley nicht im gleichen Flugzeug sitzen, wenn die Triebwerke ausfallen. Eher schon mit den von ihr exzessiv konsultierten Katastrophen-Experten.


Foto: RichVintage/iStockphoto

Leuchtende Hirne

Dass Hirnareale „zu leuchten beginnen“, wenn sie aktiv werden, ist ebenfalls ins Reich der Legende zu verweisen, auch wenn Ripley das auf Seite 87 mehrmals behauptet. Vermutlich verwechselte die Autorin hier die computeranimierten Ergebnisse bildgebender Diagnostik mit den tatsächlichen biologischen Gegebenheiten – oder es liegt schlicht ein Übersetzungsfehler vor. Auch scheint die Politikwissenschaftlerin Mühe mit naturwissenschaftlichen Einheiten und Sprechweisen zu haben: Volumina werden normalerweise nicht in Millimetern gemessen; und was der rätselhafte Satz bedeuten soll, dass „Schimpansen und Menschen etwa 99,5 Prozent ihrer Entwicklungsgeschichte teilen“, weiß sie wohl selber nicht so genau. Vielleicht meint Ripley damit die DNA-Sequenzen der beiden Primaten, die zu 98,4 Prozent identisch sind.

Praktische Lebenshilfe kann das flott und eingängig geschriebene Buch auch nicht bieten. Es verwirrt eher. Ripley listet Katastrophe um Katastrophe auf, in denen Menschen wechselweise versagten oder brillierten – und bietet dem Leser dann Methoden an, wie man dem Wirbelsturm oder dem einstürzenden Twin-Tower zuverlässig entrinnt. Meistens sind diese banal („Den Fluchtweg einprägen“; „Den Anweisungen des Kabinenpersonals folgen“; „Mögliche Gefahrenpunkte vorher im Kopf durchspielen“), klingen aber wenigstens schlüssig.

Trotzdem ist der Leser nach der Lektüre ratlos, da sich so mancher Ratschlag Ripleys als widersprüchlich erweist. Etwa der zur richtigen, lebensrettenden Reaktion auf den nahenden Hurrikan Katrina, der Ende August 2005 in den südöstlichen Teilen der USA 1.800 Menschenleben kostete. Da kritisiert die Autorin erst das „falsche Verhalten“ eines 85-jährigen Hausbesitzers, der sich aufgrund seiner Lebenserfahrung stur weigert, sein Haus zu verlassen (und prompt vor Aufregung im überschwemmten Haus an einem Herzinfarkt stirbt). Knapp zweihundert Seiten weiter jedoch lobt Ripley das Verhalten von Dorfbewohnern, die exakt das Gleiche wie unser Hausbesitzer machen: Auf in Jahrzehnten erworbene Lebenserfahrung bauen und dementsprechend handeln (in diesem Fall: frühzeitige Flucht).

Was tun? Guter Rat ist teuer

Genauso inkonsequent agiert Ripley, wenn sie einerseits ständig die Vorzüge althergebrachter, nicht zeitgemäßer Traditionen und Denkweisen hervorhebt, andererseits jedoch eine klare Befürworterin moderner Hochtechnologie zu sein scheint.

Ja, wie jetzt? Im nachhinein ist es natürlich einfach, schlau daherzuschreiben und das Ganze mit wissenschaftlichen Fachbegriffen und Halbwahrheiten zu garnieren. Ripley tut dies 334 Seiten lang. Doch wie soll man handeln, wenn sich wirklich eine Katastrophe anbahnt? Darauf hat die Autorin auch kein Patentrezept. Sie tut nur so, als hätte sie eins.




Letzte Änderungen: 02.10.2014


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