Editorial

„Es fehlt jedwede
politische Akzeptanz“

(05.06.2023) Immer mehr Menschen leiden an Long- oder Post-COVID, Spezial-Ambu­lan­zen sind überfüllt. Ärzte beklagen: Die Politik lässt die Betroffenen allein.
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Der deutsche Bundes­gesundheits­minister Karl Lauterbach hat Anfang April 2023 die Corona-Pandemie in Deutschland offiziell für beendet erklärt. Zwar landen noch immer Neuinfizierte in Kranken­häusern und auf Intensiv­stationen, die meisten von ihnen lassen sich jedoch erfolgreich medizinisch behandeln. Es scheint sich aber abzuzeichnen, dass das akute Krankheits­geschehen in Wahrheit nur die Spitze eines Eisbergs war und auf die COVID-19-Pandemie nun eine zweite Pandemie folgen könnte: die Post-COVID-Pandemie.

Bei immer mehr Menschen – darunter auch solche mit milden oder sogar asympto­matischen Verläufen – treten Spätfolgen der Infektion auf, die die Betroffenen über viele Wochen bis Monate belasten können. Dabei sind Long- und Post-COVID eng miteinander verwandt: Ersteres ist ein Überbegriff, der alle Symptome zusammen­fasst, die länger als vier Wochen nach der primären COVID-19-Erkrankung bestehen bleiben. Hinter dem Post-COVID-Syndrom verbergen sich dagegen gesund­heitliche Probleme, die mehr als drei Monate nach der Infektion noch vorhanden sind oder sogar häufig erst auftreten, wenn die akute Infektion längst überstanden ist. Oft ist es dann besonders schwierig, diese neuen Symptome überhaupt mit der ursprünglichen COVID-19-Erkrankung in Zusammenhang zu bringen. „Der einzige Unterschied zwischen Long-COVID und dem Post-COVID-19-Syndrom ist der zeitliche Abstand zur Infektion“, sagt der Kinder­kardiologe Daniel Vilser und erklärt, dass bereits mehr als 200 Symptome im Zusammenhang mit Long-COVID in der Literatur beschrieben seien (Pädiatrie, 34: 20–25). Dazu gehören Fatigue und Belastungs­intoleranz, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Konzentrations- bzw. Merkstörungen, Atembeschwerden, Muskel- und Gelenk­schmerzen, Herzbeschwerden und Beschwerden des Verdauungs­traktes, Schwindel und neurologische Störungen, Veränderungen der Haut und Haarausfall sowie Geruchs- und Geschmacks­störungen.

Editorial

Leidensdruck ernst nehmen

Vilser war zuletzt Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitäts­klinikums Jena. Dort hat er eine Long-COVID-Ambulanz für Kinder geleitet, die wir im August letzten Jahres auf LJ online vorgestellt haben („Das unterschätzte Problem“, 15.08.2022). Zu Vilsers Aufgaben in Jena gehörte auch die Koordination des Forschungs­verbunds LongCOCid, in dem das Universitäts­klinikum Jena gemeinsam mit der Technischen Universität Ilmenau, der Universität Magdeburg und der Hochschule Mannheim nach neuen Diagnose- und Therapie­möglichkeiten für Kinder mit Long-COVID sucht.

Inzwischen ist Vilser als Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am AMEOS Klinikum St. Elisabeth Neuburg und Ingolstadt tätig – einem der akademischen Lehrkranken­häuser der Universität Regensburg. Anfang Mai ist dort das Pädiatrische Zentrum für Long-COVID, postvirale Syndrome und chronische Erschöpfung an den Start gegangen, dessen Leitung Vilser übernommen hat. „Kinder sind von Long-COVID deutlich seltener betroffen als Erwachsene. Je älter sie sind, desto mehr steigt das Risiko“, so der Kinderarzt. „Schon Jugendliche sind häufiger betroffen als Kleinkinder, und wenn man alle Minderjährigen mit der Gruppe der Erwachsenen vergleicht, so finden wir ein drei- bis fünffach niedrigeres Risiko.“ Für die erkrankten Kinder und ihre Familien kann die Krankheit aber sehr belastend sein. Das Team am Pädiatrischen Zentrum hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, den Leidensdruck der Betroffenen ernst zu nehmen und nach Wegen zu suchen, ihnen bestmöglich zu helfen.

Noch kein Behandlungskonzept

Insgesamt rechnet Vilser bei Kindern mit Long-COVID-Fällen im fünfstelligen Bereich. Langfristig erwartet er, dass sich die Zahlen auf einem konstanten Level einpendeln werden, wie es für postvirale Symptome nach einer Epstein-Barr-Virus- oder Influenza-Virus-Infektion bekannt ist. „Da wir bisher immer noch kaum wissen, wie wir eine sichere Diagnose stellen können und erst recht kein für ein breites Patientengut geeignetes Behandlungs­konzept haben, ist die Intensivierung der Forschung essenziell“, ist Vilser überzeugt. Außerdem, fügt er hinzu, kann man „geeignete Daten für die Erforschung von Behandlungs­methoden nur bekommen, wenn die Patienten irgendwo angebunden sind.“ Am Pädiatrischen Zentrum sei das der Fall.

Forschung alleine reiche aber nicht, auch die Politik müsse sich des Problems bewusst werden und handeln. „Die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben ein Recht darauf, die derzeit möglichen, meist symptomatischen Behandlungs­optionen dargestellt zu bekommen“, betont Vilser. „Daher ist es aus meiner Sicht Pflicht von Politik und medizinischen Gremien, eine flächen­deckende Versorgung zu schaffen.“

Unerwartet häufig

Bei Erwachsenen ist das Post-COVID-Syndrom offensichtlich viel häufiger als anfangs vermutet wurde. Schätzungsweise tritt es bei 10-15 Prozent der mit SARS-CoV-2 Infizierten auf; laut Weltgesundheits­organisation (WHO) sind weltweit rund 17 Millionen Menschen betroffen. Dabei haben sich die jeweiligen Risikogruppen verschoben: Erkrankten an COVID-19 tendenziell ältere Männer häufiger und schwerer, sind es nun vermehrt junge Menschen und Frauen, die am Post-COVID-Syndrom leiden. Bei rund der Hälfte der Betroffenen bleiben die Symptome länger als ein Jahr bestehen und bei rund jedem Fünften führen die Beschwerden zu einem Ausscheiden aus dem Berufsleben. Damit stellt das Syndrom auch ein wachsendes sozio-ökonomisches Problem dar.

„Die Bandbreite in der Symptomatik und im Schweregrad ist groß und reicht von Leistungs­minderung über neurokognitive Störungen bis zu unspezifischem Herzrasen und chronischen Herzmuskel­entzündungen, die zur Arbeits­unfähigkeit führen können“, zitiert eine Pressemitteilung der Philipps-Universität Marburg Bernhard Schieffer, der als Direktor der dortigen Klinik für Kardiologie und Angiologie eine im Frühjahr 2021 ins Leben gerufene Post-COVID-Ambulanz leitet. Da schnell klar war, dass die Kardiologie die vielfältigen Beschwerden der Patienten alleine nicht abdecken kann, wurde ein inter­disziplinäres Team aus Herz-, Lungen- und Nerven­spezialisten sowie Psychiatern zusammengestellt. Nun ist die Ambulanz auch für Patienten, die unter einem sehr seltenen Post-Vakzinierungs­syndrom leiden, also nach einer Impfung Post-COVID-ähnliche Symptomen entwickeln, die richtige Anlaufstelle.

Spenden für die Grundlagenforschung

Das deutsche Gesundheits­system scheint auf diese Situation leider nicht viel besser vorbereitet zu sein als auf die COVID-19-Fälle zu Beginn der Pandemie. In Marburg ist die Post-COVID-Ambulanz völlig überlastet mit bereits 7.400 Patienten auf der Warteliste. Um die Abarbeitung zu beschleunigen, bittet Schieffer die Betroffenen darum, möglichst viele Vorunter­suchungen durch niedergelassene Hausärzte durchführen zu lassen. In der Ambulanz könne man sich dann auf Spezial­untersuchungen konzentrieren.

Aber nicht nur Zeit fehlt den Medizinern, sondern auch Geld. „Es fehlt jedwede politische Akzeptanz für die vielen tausend Betroffenen und damit auch die finanzielle Unterstützung durch die Landes- und Bundesregierung“, zeigt sich Schieffer frustriert. Um Aufklärungsarbeit zu leisten, hat der Kardiologe deshalb gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen aus Berlin, Mannheim, Nürnberg und München im Deutschen Ärzteblatt unter dem Titel „Die Pandemie nach der Pandemie“ den Stand der Post-COVID-Forschung zusammengefasst. Geld für Grundlagen­forschung zu Diagnostik und Therapie muss er sich momentan selbst besorgen: über eine Crowd-Funding-Kampagne (Details und Spendenkonto hier).

Larissa Tetsch

Bild: Pixabay/EdgarCurious


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Letzte Änderungen: 05.06.2023